Articles | Volume 94
https://doi.org/10.5194/polf-94-45-2026
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Report for the polar community
 | 
24 Mar 2026
Report for the polar community |  | 24 Mar 2026

Buchrezension: Ada Blackjack: Überleben auf der Bäreninsel

Cornelia Lüdecke
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Isabel Pin: Ada Blackjack: Überleben auf der Bäreninsel, Gerstenberg, Hildesheim, ab 8 Jahre, Hardcover, 96 ff., ISBN 978-3-8369-6321-3, EUR 22,00, Januar 2025.

Es ist schon bemerkenswert, dass in einer Zeit, in der Freundschaftsgeschichten, Fantasieromane, oder spannende Kriminalgeschichten die Regale der Buchläden für 8-jährige Kinder füllen, eine Biographie einer Iñupiaqfrau aus Alaska auf den Markt kommt. Es handelt sich um Ada Blackjack, geborene Tiluutaq (auch Deletuk geschrieben). Sie kam 1898 in der kleinen Iñupiatsiedlung Okpiktulik an der Westküste Alaskas 50 km östlich von Nome auf die Welt. Damals änderte sich gerade viel in Alaska, denn in Adas Geburtsjahr wurde in Nome Gold gefunden und durch den Goldrausch wuchs die Bevölkerung bis 1909 von 0 auf etwa 20 000 Einwohner an. Zunächst hausten die Goldschürfer hauptsächlich in Militärzelten, bis mit den Versorgungsschiffen aus Seattle Holz herangeschafft wurde, um Häuser zu bauen. 1910 war der Boom jedoch schon wieder vorbei und die Einwohnerzahl von Nome ging auf 2600 zurück und zehn Jahre später auf 850. Zur Boomzeit lebten in diesem abgelegenen Ort hauptsächlich Abenteurer, die sich durch Goldfunde das große Glück erhofften, oder Männer, die durch verschiedenste Geschäfte mit den Bewohnern zu Reichtum kamen, aber auch Prostituierte, Alkoholabhängige und kranke Männer beherrschten das Stadtbild. Erstmal traten in dieser Gegend Krankheiten wie Grippe und Tuberkulose auf. Neben der vornehmlich weißen Bevölkerung (die Autorin bezeichnet sie zwar politisch korrekt mit „Euro-Amerikaner“, was aber den 8-jährigen Kindern nichts sagen wird) aus den südlich gelegenen 48 US-amerikanischen Staaten sah man auch vereinzelt Vertreter der Urbevölkerung Alaskas, d.h. der Iñupiat, die die Autorin als „indigene Bevölkerung Nordamerikas“ bezeichnet, was im sehr nützlichen Glossar näher erläutert wird. Diese Iñupiat (Einzahl Iñupiaq) wurden damals oft ungerecht und rassistisch behandelt.

Die Autorin Isabel Pin schreibt sehr schön und ergänzt ihren Text mit vielen eigenen bunten Zeichnungen, die darstellen, in welchem Umfeld Ada um 1900 aufgewachsen ist. In zum Teil doppelseitigen Bildern wird dem Betrachter eine Fülle von zusätzlichen Informationen geboten, die in den kurzen Textzeilen nur angerissen werden können. Das bietet beim Vorlesen viel Gesprächsstoff mit den Kindern an. Ergänzend gibt es auf den Innenseiten des Buches eine Karte der Arktis und der Wrangelinsel mit Ortsangaben, die im Buch erwähnt werden.

Nach ihrer unbeschwerten Kindheit wurde Ada mit 13 Jahren in ein Internat nach Golovin geschickt, das 70 km östlich ihres Dorfes Okpiktulik liegt. Dort wäre sie vor der Grippe-Epidemie geschützt, die derzeit in ihrem Dorf ausgebrochen war, und könnte in der Missionsschule Englisch lernen. Aber im Gegensatz zur Schulerfahrung der 8-Jährigen in Deutschland wurden die Kinder in Golovin kolonisiert und missioniert. Sie durften ihre Muttersprache Iñupiaq nicht mehr sprechen, erhielten amerikanische Namen, die besser auszusprechen waren als ihre Geburtsnamen, und sollten nun an einen für sie fremden Gott glauben. Als Ada nach ihrem Schulabschuss in ihr Dorf zurückkehrte, hatte sie bereits amerikanische Gewohnheiten angenommen. Mit 17 Jahren verliebte sie sich und gebar mit 18 Jahren ihren Sohn Bennett, während ihr Mann Blackjack als Rentierzüchter meist abwesend war. Bennett erkrankte an Tuberkulose, die nur im Krankenhaus behandelt werden konnte. So verließ Ada 1920 ihren Mann und zog zu ihrer Schwester nach Nome, um als Putzfrau Geld für die Behandlung zu verdienen. Schließlich ließ sie sich von dem kanadischen Forscher Vilhálmur Stefánsson für eine Expedition zur Wrangelinsel in der sibirischen Arktis anheuern. Sie hatte die Aufgabe, für die vier etwa gleichaltrigen Expeditionsteilnehmer zu kochen und Fellkleidung zu nähen. Die Expedition brach im Sommer 1921 auf, um die Wrangelinsel zu besiedeln und dadurch vom theoretischen russischen Besitz in den aktiven Besitz Kanadas zu überführen. Allerdings kamen entgegen der ursprünglichen Planung neben Ada keine weiteren Inuitfamilien aus Sibirien mehr hinzu, so dass sie sich sehr allein gelassen fühlte. Trost fand sie nur bei der Katze, die mit an Bord gekommen war. Als sie die Wrangelinsel erreicht hatten, richteten sie zunächst ihr Lager ein. Dann erforschten die Männer die Insel, während Ada ihre Aufgaben, so gut es ging, erfüllte. Als im Sommer des folgenden Jahres kein Schiff zur Abholung kam, mussten sie auch einen zweiten Winter auf der Insel zubringen. Nach der Überwinterung hatten sie keine Nahrungsreserven mehr und die Männer beschlossen, mit dem Hundeschlitten über das Eis nach Sibirien zu reisen, wo sie jedoch nie ankamen. Allerdings war der Leiter der Gruppe wegen Krankheit zurückgeblieben und wurde von Ada gepflegt. Nun musste sie selber auf Nahrungssuche gehen, jagen und sich gegen Eisbären schützen. Als der Leiter schließlich im Juni 1923 starb, dauerte es noch zwei Monate, bis Ada von einem Schiff abgeholt wurde. Nun konnte sie endlich die Behandlung ihres Sohnes in Seattle bezahlen.

Ada Blackjacks folgender Lebensweg bestand aus weiteren Höhen und Tiefen, aber ihr gelang es immer wieder, Lösungen zu finden. 1983 starb sie im hohen Alter von 85 Jahren und wurde auf dem Friedhof in Anchorage beerdigt. Das Buch schließt mit heutigen Informationen zu Nome und zur Wrangelinsel, sowie einer Chronologie von Ada Blackjacks Leben. Außerdem werden zur Vertiefung der Darstellung 21 Quellenangaben gemacht.

Insgesamt handelt es sich um ein sehr interessantes Kinderbuch. Die knappe Charakterisierung der Arktis zu Beginn des Buches fällt jedoch etwas zu ungenau aus, da bezüglich Temperaturen und Sonnenscheindauer nicht zwischen der Arktis jenseits und diesseits des Polarkreises unterschieden wird (S. 5). Dies und auch die nachfolgenden Bemerkungen fallen jedoch nur wenigen Eltern auf. Man wundert sich vielleicht, dass die Männer auf der Wrangelinsel Eisbären und Robben „gefangen“ haben, anstatt zu jagen, um deren Fleisch zu essen (S. 47). Es kann sein, dass Ada wusste, was Skorbut ist, aber der auslösende Mangel an Vitamin C wurde erst 1937 entdeckt. Die Erfahrung hatte ihr sicher gesagt, dass dem geschwächten Körper frisches Fleisch oder Fisch sowie Kräuter guttun würden. Einige Illustrationen verleiten zu Fragen z.B. wieso schon zu Goldrauschzeiten (d.h. 1910) ein Flugzeug am Stadtrand von Nome gelandet ist (S. 10)? Oder ob in Adas Kindheit Geschichten von den Vorfahren wirklich am Lagerfeuer aus Treibholz erzählt wurden (S. 13)? Wo ist der Bugsprit des Expeditionsschiffes geblieben, als die Wrangelinsel gesichtet wird (S. 36)? Was sind das für grüne Strahlen, die im dunklen Himmel während des Winters nach oben zeigen? Im Text wird leider mit keinem Wort auf das dargestellte Nordlicht hingewiesen.

Manchmal stolpert man in Text über Begriffe, die leider nicht im Glossar erklärt werden, wie z.B. „Ethnologe“ oder „indigene Familie“. Zudem taucht in den Erklärungen der Begriff „Inuit“ auf, der wiederum nicht weiter erklärt wird. Und was sind „Minencamps“ (S. 11)?

Von diesen Dingen abgesehen, ist das Buch für 8-jährige Kinder sehr zu empfehlen, denn es spricht viele unterschiedliche Themen an, wie den amerikanischen Kolonialismus gegenüber der Urbevölkerung in Alaska, den Rassismus gegenüber den Iñupiat in Nome, die geplante Inbesitznahme der russischen Wrangelinsel für Kanada, die immer wieder ungerechte Behandlung von Ada Blackjack als Iñupiaqfrau, den starken Überlebenswillen einer liebenden Mutter in der aussichtslosen Situation auf der Wrangelinsel, sowie die Bedeutung der Familie hinsichtlich der weitergegebenen Erfahrungen und Kenntnisse.

Bis November 2025 erhielt das Kinderbuch sechs Auszeichnungen und Empfehlungen.

Begutachtung

Dieser Artikel wurde von Lena Nicola redaktionell betreut und durch Bernhard Diekmann begutachtet.

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Short summary
It is a review of a book on an Inupiaq woman written for 8 year old children, who took part in an expedition to Wrangel Island in 1921–1923 and who survived as only person. The book describes her life as loving mother who struggled for her children against racism.
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