Buchrezension: Der geträumte Norden
de Kluyver, A.: Der geträumte Norden. Aus dem Niederländischen von Bärbel Jänicke, Mare, Hamburg, Hardcover, 320 ff., ISBN 978-3-86648-717-8, EUR 28,00, 2025.
In seinem Buch stellt der Historiker Adwin de Kluyver auf sehr unterhaltsame Art und Weise Mythen, Geschichten, Projekte und Visionen von Forschern, Philosophen und Fantasten vor, die sich mit dem Norden beschäftigen. Den 18 Kapiteln sind zur Einstimmung Landkarten vorgestellt, auf denen zur Orientierung die wichtigsten Orte der jeweiligen Erzählung eingetragen sind. Kluyver beginnt mit seiner eigenen Geschichte am nördlichsten Punkt der britischen Shetlandinseln, denn von dort wollte er so weit wie möglich nach Norden schauen. Daraus ist dann im Lauf der Zeit eine Sammlung von spannenden Geschichten geworden, die sich mit seinem Sehnsuchtsziel, dem Hohen Norden, aus verschiedenen Perspektiven auseinandersetzen.
Am Ende der meisten Kapitel plaziert Kluyver die Biographie der Hauptperson der jeweiligen Geschichte. Wissenschaftshistoriker kennen Pytheas von Massalia, der 325 v.Chr. das nördliche Ende der Welt mit „Ultima Thule“ bezeichnete und schon die Mitternachtssonne und Polarlichter beschrieb, oder den Universalgelehrten Athanasius Kircher, der in seinem Bestseller von 1664 „Mundus subterraneus“ ein Model des Erdinneren erdachte, das auf Löcher an den Polen und unterirdischen Meeresströmungen basierte. Schließlich sei noch der Naturforscher Pierre-Louis Moreau de Maupertuis zu nennen, der 1736 zur Messung eines Längengrades eine Expedition nach Lappland durchführte.
Den Polarhistorikern ist sowohl der Reisebericht von Gerrit de Veer aus dem Jahr 1598 bekannt, der Willem Barents dritte Expedition begleitete, auf der Spitzbergen entdeckt wurde und Barents auf Novaja Semlja starb, oder die vergeblichen Versuche des amerikanischen Journalisten Walter Wellman, zwischen 1906 und 1910 mit einem Luftschiff von Spitzbergen aus den Nordpol zu erreichen, sowie die Geschichte des Jungen Minik, ein Inuit, den Robert Peary 1897 mit seiner Familie vom Nordwesten Grönlands an das Amerikanische Museum für Naturgeschichte nach New York gebracht hatte. Neben weiteren interessanten Geschichten wird auch die Erfindung des Weihnachtsmanns und die Gründung der Thule Gesellschaft in München behandelt.
Der zeitliche Bogen spannt sich von Ultima Thule (325 v.Chr.) bis zur russischen Flagge, die 2007 von einem U-Boot auf dem Meeresgrund am Nordpol gesetzt wurde. Das ergibt zufällig 2332 Jahre „geträumter Norden“. Zur Vertiefung der einzelnen Ereignisse ergänzt der Autor das Buch mit einer nach Kapiteln geordneten Bibliographie.
Das Buch ist sehr gut und spannend geschrieben, aber warum vermeidet der Autor, der über die Kulturgeschichte der Polreisen und des Heldentums promoviert hat, die geographische Bezeichnung „Norden“ oder „nördlich“ und verwendet stattdessen „oben“ oder „oberhalb“. Auch erwähnt er die „Unterseite von Alaska“, meint aber die Südküste, bzw. „die imaginären Linie, oberhalb derer die Sonne am längsten Tag des Jahres nicht untergeht“ (S. 164).
An manchen Stellen erscheint der Text nicht ausreichend recherchiert. Der holländische Walfang auf offener See begann nicht erst Mitte des 19. Jahrhunderts sondern schon Anfang des 17. Jahrhunderts (S. 148, siehe Cornelis Gijsbertsz Zorgdrager, Alte und neue Grönländische Fischerei und Wallfischfang, 1723, Nachdruck Horst Hamecher, Kassel, 1975). Blesshühner auf Eisbergen in der Baffin Bay machen stutzig, denn sie leben in Europa und Asien südlich des Polarkreises (S. 148). Pemmikan ist kein Gemisch aus Hackfleisch, sondern aus getrockneten und zermahlenen Fleisch (S. 268). Und Nobile schaltete die Motoren des Luftschiffes „Norge“ beim Überqueren des Nordpols nicht aus, sondern er verlangsamte die Geschwindigkeit (S. 269). Auch kreisten sie nicht über dem Pol, sondern flogen darüber hinweg. Zudem wurde die Expedition mit Nobile in Galauniform in Seattle empfangen und nicht schon in Alaska (S. 270).
Das Buch endet mit dem Besuch des Autors am norwegischen Nordkap, wo „die Leere zu einem Symbol und das Meer zu einem Mythos“ werden und der Nebel die Träume vom Norden aufnimmt (S. 299). Damit wird das Thema des Eingangskapitels geschickt wieder aufgenommen und zum Abschluss gebracht. Ein schönes Buch, das jedem empfohlen ist, der einen kurzweiligen Gang durch die Jahrhunderte in der Beschreibung des Hohen Nordens machen möchte.