Articles | Volume 90, issue 2
Polarforschung, 90, 11–12, 2022
https://doi.org/10.5194/polf-90-11-2022
Polarforschung, 90, 11–12, 2022
https://doi.org/10.5194/polf-90-11-2022
Review on polar literature
15 Jul 2022
Review on polar literature | 15 Jul 2022

Buchrezension: The Return of the South Pole Sled Dogs: With Amundsen's and Mawson's Antarctic Expeditions

Buchrezension: The Return of the South Pole Sled Dogs: With Amundsen's and Mawson's Antarctic Expeditions
Cornelia Lüdecke Cornelia Lüdecke
  • Universität Hamburg, Hamburg, Deutschland​​​​​​​

Correspondence: Cornelia Lüdecke (c.luedecke@lrz.uni-muenchen.de)

Tahan, M. R.: The Return of the South Pole Sled Dogs: With Amundsen's and Mawson's Antarctic Expeditions, Springer Nature Switzerland AG, Cham, 492 S., ISBN-13 978-3030651121, Hardcover EUR 34,58, 2021.

Mary Tahans neues Buch setzt die Geschichte von Amundsens Schlittenhunden der Südpol-Expedition (1910–1912) fort, über die sie bereits 2019 publiziert hat (Tahan, 2019). Sie beginnt mit einer Beschreibung der wichtigsten Ereignisse während der Südpolexpedition und fasst zusammen, wie sich ursprünglich 97 Hunde vermehrten und dann sukzessive aus den verschiedensten Gründen getötet wurden: Entweder waren sie krank, beziehungsweise durch das anstrengende Ziehen der schweren Schlitten bei sehr kalten Temperaturen zu schwach geworden, oder sie wurden beim Erreichen des antarktischen Hochplateaus überflüssig, da es nicht mehr so viel Ausrüstung und Nahrung zu ziehen gab und Schlitten zurückgelassen werden konnten. Als die Expedition die Bay of Whales im Rossmeer mit dem Ziel Hobart in Tasmanien verließ, hatten insgesamt nur 39 Hunde überlebt. Was mit ihnen anschließend geschah, erwähnt Amundsen in seinem Bericht nur kurz: 21 Hunde, darunter etliche, die mit am Südpol waren, wurden Dr. Douglas Mawson​​​​​​​, dem Leiter der künftigen australischen Antarktisexpedition geschenkt, während die übrigen Hunde nach Norwegen zurückgebracht werden sollten. Um diese 39 Hunde ranken sich in Tahans neuem Buch 27 mehr oder weniger ausführliche und bebilderte Kapitel. Für die Kapitel wurden neben gedruckten Reiseberichten auch viele bislang unbeachtete zeitgenössische Zeitungsartikel herangezogen sowie unveröffentlichte Tagebuchaufzeichnungen der Expeditionsteilnehmer und vor allem auch diverse Schriftwechsel. Dadurch ersteht erstmals ein Bild über den Zusammenhang von Amundsens und Mawsons Antarktisexpeditionen bezüglich der verwendeten Schlittenhunde beziehungsweise über den Verbleib von Amundsens überlebenden Hunde in Norwegen.

Mit 52 kräftigen Schlittenhunden machte sich Amundsen im Jahr 1911 zusammen mit vier Begleitern auf den Weg zum Südpol, aber nur 11 Hunde kehrten wieder an ihren Ausgangspunkt in Framheim in der Bay of Whales zurück. Die Autorin nimmt kein Blatt vor den Mund, als es um die Vorgänge kurz vor dem Erreichen des Eisplateaus ging, denn hier ließ Amundsen im sogenannten Lager Butcher's shop 24 seiner Hunde töten. Für die Männer war das Hundefleisch nicht überlebensnotwendig, denn in den Depots gab es reichlich zu essen. Auch für die Hunde war genug vorhanden. Offenbar wollte Amundsen die Schlittenzahl und damit zwangsläufig verbunden auch die Anzahl der Hunde reduzieren, um schneller zum Pol zu gelangen (Tahan, 2021, S. 114–115). Weniger Schlitten bedeuten schnellere Vorbereitungen für den täglichen Aufbruch und weniger Aufwand für die Fütterung der Hunde. Weitere 11 Hunde ließen auf dem Plateau ihr Leben und einer am Südpol. In der Zwischenzeit hatten die in der Bay of Whales zurückgebliebenen Expeditionsmitglieder mit 17 Schlittenhunden das nahegelegene King Edward VII Land erkundet, während 11 Hunde beim Koch in Framheim blieben. Insgesamt lebten also nur noch 39 Hunde.

Tahan beschreibt nun anhand ihrer umfangreichen Recherche erstmals, wie es zu Amundsens Kontakt mit Mawson kam und warum er seinen ursprünglich geplanten Rückweg zum nächstgelegenen Telegrafenamt in Lyttelton (Neuseeland) änderte, um einige seiner besten Hunde dem Australier für dessen geplante Antarktisexpedition zu schenken. Dabei nahm Amundsen sogar eine Verzögerung im Erreichen des nächstgelegenen Telegraphenamtes im Kauf, um das Telegramm über seinen Sieg am Südpol abzusenden.

Des Weiteren stellt die Autorin dar, dass Amundsen, nachdem er während des verfrühten und abgebrochenen Aufbruchs zum Südpol sein Hundeteam wegen Überanstrengung bei zu tiefen Temperaturen verloren hatte, kein besonderes Interesse am Schicksal seiner Schlittenhunde erkennen ließ. Für ihn waren sie in dem Moment nur ein Transportmittel, um möglichst schnell und effektiv zum Südpol zu gelangen. So übernimmt es die Autorin, den weiteren Lebens- und Leidensweg der Hunde zu schreiben.

Auf dem Rückweg von der Antarktis bis nach Hobart litten die Hunde sehr, da sie trotz starker Stürme und Regenfälle an Deck bleiben mussten. Nachdem Amundsen sein Telegramm erfolgreich abgeschickt hatte und er als Sieger im Wettrennen um den Südpol galt, konnten die Expeditionsmitglieder ebenfalls Interviews für australische Zeitungen geben. In den Berichten wurde unter anderem auch die Tötung der Hunde thematisiert. Dass Amundsen unterwegs Hunde zum Essen erschießen ließ, ging damals durch die britisch geprägte Presse, was ihn insbesondere in England unbeliebt machte. Das führte sogar soweit, dass beim späteren Festempfang in London der offizielle Toast auf die braven Schlittenhunde ging und nicht auf Amundsen selber, den Sieger im Wettrennen zum Südpol.

Jedoch bevor Douglas Mawson die vorher für ihn ausgewählten 21 Hunde in Empfang nehmen konnte, mussten sie erst noch in Quarantäne. Die Schlittenhunde waren offenbar sehr clever, denn ihre norwegischen Namen wurden nicht vollständig den Australiern weitergegeben, denn fast alle Tiere erhielten neue Namen und mussten zudem statt der vertrauten norwegischen Kommandos nun die englischen lernen. Tahan ist es tatsächlich gelungen, die neuen australischen Namen Amundsens ursprünglichen Hundenamen zuzuordnen, um den weiteren Lebensweg der einzelnen Hunde lückenlos verfolgen zu können. Nachdem Mawson wider Erwarten ein weiteres Jahr in der Antarktis überwintern musste, war es angeblich zu aufwendig, alle Hunde während der Winternacht zu füttern und zu pflegen, so dass nur zehn von Amundsens Hunden weiterleben durften, während die anderen letztlich ohne zwingenden Grund getötet und ins Meer geworfen wurden (Tahan, 2021, S. 285)! Tahans weitere Recherche deckt auf, wo Mawsons verbliebende Hunde in Australien einerseits einen erfreulichen, andererseits aber auch einen bedauernswerten Lebensabend verbracht hatten.

Amundsens 18 behaltenen Hunde befanden sich weiterhin auf der Fram und waren auf dem Weg in die sommerlich heiße Stadt Buenos Aires. Unterwegs erhöhte sich deren Zahl durch Geburten auf 22. In Buenos Aires wurden die berühmten Südpolhunde als Publikumsmagnet im Zoo ausgestellt. Leider erkrankten die​​​​​​​ meisten an einer bösen Infektion, die nur vier Hunde überlebten. Dieser klägliche Rest kehrte schließlich nach Norwegen zurück, um dort als Polarveteranen geruhsam die außergewöhnliche Hundekarriere zu beschließen. Das Fell der in Buenos Aires v​​​​​​​erstorbenen Tiere wurde ebenfalls nach Norwegen gebracht, wo es ausgestopft wurde. So dienten die ehemals so kräftigen Schlittenhunde auf Amundsens Vortragsreisen als attraktives Anschauungsmaterial. Der Kommerz stand hier ganz klar über der Empathie für die Hunde.

Während sich in Australien die Spur der Hunde und deren Nachkommen allmählich verlor, nahmen zwei Schlittenhunde aus Norwegen im Frühjahr und Sommer 1913 sozusagen als Experten an der offiziellen Hilfsexpedition für die verschollene deutsche Schröder-Stranz-Expedition teil, die von dem Norweger Arve Staxrud geleitet wurde. Aber das ist eine andere Geschichte. Hier haben sich im Text einige kleine Ungenauigkeiten eingeschlichen, die wohl den nicht deutschsprachigen Quellen geschuldet sind, was aber den Wert des Buches keineswegs schmälert.

Manchmal werden im Buch einzelne, dem Leser bereits bekannte Fakten im Text unter einem anderen Gesichtspunkt wiederholt. Dies ist durch das Verlagskonzept bedingt, das vorsieht, die Kapitel auch einzeln in sich abgeschlossen als pdf zu verkaufen. Aus diesem Grund setzt sich das Buch aus völlig selbständigen Kapiteln zusammen, die jeweils mit einer Zusammenfassung beginnen und im Anhang mit den dazugehören Fotos, Endnoten, den betreffenden Listen mit den Namen der zu diesem Zeitpunkt noch lebenden Hunde sowie dem Literatur- und Quellenverzeichnis enden. Das ist teilweise etwas gewöhnungsbedürftig. Davon abgesehen ist der Autorin ein weiteres interessantes und packendes, manchmal aber auch traurig stimmendes Buch über die Lebens- und Leidensgeschichte von Amundsens Südpolhunden gelungen. Nebenbei deckt Sie auch bisher unbekannte oder wenig beachtete Facetten des Expeditionsleiters auf.

Begutachtung

This paper was edited by Bernhard Diekmann.

Literatur

Tahan, M. R.: Roald Amundsen's Sled Dogs: The Sledge Dogs Who Helped Discover the South Pole, Springer Nature Switzerland AG, Cham, 640 S., ISBN 978-3-030-02691-2, 2019.