Articles | Volume 89, issue 1
Polarforschung, 89, 111–113, 2021
https://doi.org/10.5194/polf-89-111-2021
Polarforschung, 89, 111–113, 2021
https://doi.org/10.5194/polf-89-111-2021

Obituary 21 May 2021

Obituary | 21 May 2021

In memoriam Prof. Dr. Dr. h.c. Hubert Miller ( 3. April 1936 –  26. Februar 2020)

In memoriam Prof. Dr. Dr. h.c. Hubert Miller ( 3. April 1936 –  26. Februar 2020)
Georg Kleinschmidt1, Anke Friedrich2, and Eva-Maria Pfeiffer3 Georg Kleinschmidt et al.
  • 1Goethe-Universität, Institut für Geowissenschaften, Frankfurt am Main, Deutschland
  • 2Ludwig-Maximilians-Universität, Lehrstuhl für Geologie, München, Deutschland
  • 3Universität Hamburg, Institut für Bodenkunde, Hamburg, Deutschland

Correspondence: Georg Kleinschmidt (kleinschmidt@em.uni-frankfurt.de)

Am 26. Februar 2020 verstarb Professor Dr. Dr. h.c. Hubert Miller, Träger unserer Karl-Weyprecht-Medaille – nur drei Wochen nach seiner Ehefrau Gabriele Miller († 5. Februar 2020).

Hubert Miller wurde am 3. April 1936 in München geboren. Eingeschult wurde er 1942 in Augsburg, das Abitur legte er 1954 am humanistischen „Gymnasium bei St. Stephan“ (Augsburg) ab. Sein Studium begann er mit einem Schnuppersemester in Vermessungswesen und Maschinenbau an der TU (szt. TH) München, von 1955 bis 1960 folgte dann das Geologie-Studium an der Münchener Ludwigs-Maximilians-Universität. Dort erwarb er am Ende des WS 1960 das Diplom. Im Juli 1962 erfolgte dort die Promotion zum Dr. rer. nat. über die „Geologie des westlichen Wetterstein- und Mieminger Gebirges (Tirol)“. Hubert Miller habilitiert sich Ende 1968 für das Fach Geologie mit einer Arbeit über „Vergleichende Studien an prämesozoischen Gesteinen Chiles“, ebenfalls an der LMU. Von 1961 bis 1973 war er Assistent (mit verschiedenen amtlichen Bezeichnungen) und Universitätsdozent am Münchener Institut für Allgemeine und Angewandte Geologie. In dieser Zeit (1962) erfolgte die Eheschließung mit Gabriele geb. Weigl (aus Augsburg; darauf legte Frau Miller stets besonderen Wert – sie sei Schwäbin!).

https://polf.copernicus.org/articles/89/111/2021/polf-89-111-2021-f01

Abb. 1Hubert Miller (1936–2020). Foto: Monika Huch (während der 23. Internat. Polartagung in Münster, 2008).

Von Juni 1963 bis Dezember 1965 war Hubert Miller (Gast-)Professor an der Universidad de Chile in Santiago, von August 1971 bis Juli 1973 Professor für Geologie an der Universidad Austral de Chile in Valdivia, ab Oktober 1971 war er Direktor des dortigen Instituts für Geologie und Geographie. 1973 vertrat er zunächst für drei Monate den Lehrstuhl für Historische und Regionale Geologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster, danach wurde er ebendort Ordentlicher Professor (H4) für Historische und Regionale Geologie (1974–1986). Im April 1986 wurde er auf den Lehrstuhl (H4-Professur) für Allgemeine und Angewandte Geologie an die Ludwigs-Maximilians-Universität zu München berufen, im April 2004 emeritiert.

Im Oktober 2010 erlitt Hubert Miller einen schweren häuslichen Unfall, den er nur dank des großen Einsatzes seiner Frau und großer ärztlicher Kunst überstand und von dem er sich schließlich durch den engagierten Beistand seiner ganzen großen Familie einigermaßen erholte.

Hubert Millers Lehrtätigkeit umfasste die ganze Vielfalt der Geologie mit Tektonik, Lagerstättenkunde, Historischer, Regionaler und Allgemeiner Geologie inklusive Geländeausbildung. Sein großes und gekonntes Engagement dabei konnte Georg Kleinschmidt während einer zufälligen Begegnung 1986 in der südlichen Koralpe (Steiermark) erleben. Diese erste persönliche Bekanntschaft führte zu einer Einladung für die Münchener Alpenexkursion 1988 (Saualpe) und bildete so den Keim zu unserer Freundschaft.

Hubert Millers wissenschaftlicher Werdegang begann Ende der 50er Jahre mit dem Einstieg in die Diplomarbeit und der Erstellung der o.g. Dissertation, und zwar im Themenkreis Alpengeologie – und Alpengeologie blieb Millers wissenschaftliche Grundmelodie bis weit in die 2000er Jahre hinein.

Schon 1965 kamen dann Arbeiten zur Geologie Südamerikas, vor allem der Anden und älterer südamerikanischer Orogene hinzu, wuchsen in den 80er und 90er Jahren zum Crescendo seiner Forschung. Ähnlich großartig entwickelte sich etwa parallel – zunächst natürlich von Chile aus – sein Interesse an der Antarktisgeologie, genauer gesagt: an der Geologie der Antarktischen Halbinsel und der Südshetland-Inseln. Diese beiden Schwerpunkte baute Hubert Miller dann zu seinen eindrucksvollen Brückenschlägen Südamerika–Antarktis aus, publiziert vor allem in zahlreichen Arbeiten der Jahre 1967, 1981 (Stuttgart/Geol. Rdsch.), 1982 (Madison), 1983 (Braunschweig und Adelaide/Canberra), 1987 („Polarforschung“) und 2007 (Santa Barbara/Washington). Diese Arbeiten wurden und werden von uns und vielen anderen Kollegen immer wieder zitiert und in Vorlesungen genutzt.

Die Münster-Zeit lenkte Millers wissenschaftliches Interesse auch in das deutsche Variszikum, und seit Münster widmet er sich außerdem immer wieder allgemeinen Fragen zur Geologie, zum Geologiestudium und zu den Naturwissenschaften generell.

Bei all seinen geologischen Arbeiten legte Hubert Miller immer einen besonderen Akzent auf „Kleintektonik“ – heute würde man sagen Strukturgeologie – und deren Kombination mit Geochronologie sowie großtektonische Zusammenhänge, was ab Mitte der 60er Jahre bedeutet: Plattentektonik. Folgerichtig mündeten seine Arbeiten 1992 in sein Buch „Abriß der Plattentektonik“ bei Enke, aber auch in eine umfangreiche Herausgeberschaft zahlreicher zusammenfassender Sonder- und Tagungsbände, zuletzt 2006 von „Antarctica, Contributions to Global Earth Sciences“ (zusammen mit Dieter Fütterer und anderen), und mehrerer Zeitschriften, u.a. – bis zu seinem schweren Unfall 2010 – des „Neuen Jahrbuchs für Geologie und Paläontologie“. Diese vielfältige Tätigkeit als Herausgeber ist zugleich ein Ausdruck von Millers Fähigkeit zum Brückenbauen.

Hubert Miller hat sein Talent zu Brückenbau, Ausgleich und Verhandlungsgeschick auch darüber hinaus in vielfältiger Weise bewiesen: So hat er verantwortungsvolle Ämter in der Selbstverwaltung seiner Universitäten übernommen, z.B. war er 1981/82 Dekan des Fachbereichs Geowissenschaften der Wilhelms-Universität Münster und zweimal, nämlich 1988/90 und 1994/98, Dekan der Fakultät für Geowissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er war Mitglied zahlreicher geologischer und naturwissenschaftlicher Gremien, national wie international, vor allem im Rahmen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG): Unter vielem anderen war er (Gründungs-)Vorsitzender und stellvertretender Vorsitzender der Konferenz der geowissenschaftlichen Fachbereiche (1984–1988), Mitglied (1983–1986, 1990–1992), stellvertretender Vorsitzender (1988–1990) und Vorsitzender (1986–1988) des Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultätentages, 1994–1996 Vorsitzender der Deutschen Geologischen Gesellschaft.

Schließlich beeindrucken seine Aktivitäten mit Antarktisbezug: dort gibt es das UNESCO-Organ SCAR (Scientific Committee on Antarctic Research). Hubert Miller war von 1978 bis 1980 Mitglied im deutschen Korrespondenzgremium „Landesausschuss SCAR“ und von 1979 bis 2003 (!) in der für die konkrete Forschungs- und Expeditionsplanung so bedeutsamen internationalen SCAR Working Group on Geology. Gerade hier konnte man sein Vermittlungsgeschick bei den gelegentlichen „Diskussionen“ zwischen Argentinien und Großbritannien erleben. Die verschiedenen internationalen SCAR-Veranstaltungen waren auch immer gesellschaftliche Ereignisse, bei denen es sehr auf Diplomatie ankam, wobei Hubert Miller in hervorragender Weise durch seine „Diplomaten“-Gattin Gabriele natürlich und ungekünstelt und daher erfolgreich unterstützt wurde.

Hubert Miller war auch insofern Brückenbauer, als er wissenschaftliche Symposia initiiert hat und so verschiedenste Kollegen aus verschiedensten Regionen der Welt zusammenbrachte: Legendär sind „seine“ Lateinamerikakolloquien, jahrelang – unseres Wissens 1980–1992 – von ihm betreut. Spannend war seine „Münchner Konferenz“ von 1989 (zur Geochronologie der Antarktis) mit Teilnehmern aus 14 Staaten, darunter Australien, Großbritannien, Neuseeland, den USA, allem aber aus der Noch-DDR, und aus der Noch-Sowjetunion. 1983 rief er in Darmstadt zusammen mit zwei weiteren Kollegen zur Gründung des nach wie vor sehr erfolgreichen und sehr aktiven Arbeitskreises „Geologie der Polargebiete“ in unserer DGP auf. Bis 1993 war einer der Sprecher dieses AK. Während des 8. „International Symposium on Antarctic Earth Science“ (ISAES) 1999 in Wellington/Neuseeland hatte er die Idee, dass das nächste Symposium, ISAES 9, in Deutschland, relativ frisch wiedervereinigt, und daher in Potsdam stattfinden könnte. Er trommelte die anwesenden deutschen Mitstreiter zusammen, erreichte deren Zustimmung und schließlich die Zustimmung des ISAES-Plenums. ISAES 9 (2003) wurde – unter Hubert Millers Federführung – ein großartiger Erfolg.

Für all das wurde Hubert Miller immer wieder hoch geehrt und dekoriert; hervorgehoben seien:

  • 2000 die Ehrendoktorwürde der St.-Kliment-Ohridski-Universität zu Sofia (Bulgarien) für seine Leistungen bei der internationalen Zusammenarbeit in der Antarktis;

  • 2002 die Hans-Stille-Medaille der Deutschen Geologischen Gesellschaft bei der Tagung „GEO 2002“ in Würzburg für „seine Verdienste um die Lateinamerikaforschung“;

  • 2003 die Universitäts-Medaille der Ludwigs-Maximilians-Universität München;

  • im selben Jahr 2003 Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande;

  • 2006 hat ihm zu Ehren Gleb Udintsev (Moskau) die Bezeichnung „Hubert-Miller-Seamount“ für die untermeerische Erhebung auf ca. 6915 S und ca. 12130 W (Amundsen-Meer) vorgeschlagen;

  • 2008 verlieh ihm die DGP die Karl-Weyprecht-Medaille bei der 23. Internationalen Polartagung in Münster für „seine wegweisenden Arbeiten zur Geologie der Antarktischen Halbinsel und der Gebirgszusammenhänge zwischen Patagonien und Antarktika“.

Wer das Glück hatte, mit ihm befreundet gewesen zu sein und gelegentlich sein privater Gast sein durfte, lernte auch noch einen völlig anderen Hubert Miller kennen: Hubert als Ehemann, Vater und Großvater im Kreis seiner tollen, großen Familie – nicht als Patriarch, sondern eher als primus inter pares – und Hubert als Freund guter Musik: denn es wurde Hausmusik geboten – u.a. spielte eine talentierte junge Pianistin Beethoven und Mozart. Will man Hubert Miller kurz und treffend charakterisieren, drängt sich der Begriff „Brückenbauer“ geradezu auf. Wir haben ihn auf Sitzungen und Konferenzen als geschickten, diplomatischen Diskussionspartner erlebt; er war dabei stets liebenswürdig, dennoch bestimmt, aber niemals zornig. Er war weltweit und daheim bestens vernetzt, konnte und hat so in selbstloser Weise Kontakte hergestellt, z.B. zur Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung und ihrem Vorsitzenden Prof. Dr. Heinrich Meier, stets zum Vorteil für alle Beteiligten. Er riet in ausgesprochen uneigennütziger Weise Antarktis-Anfängern, bei der Planung und Antragstellung zu bedenken, dass gute Ideen für Forschungsvorhaben allein nicht hinreichend seien; sie sollten, ja müssten vor allem ausgesprochen antarktisspezifisch sein!

Hubert Miller war und ist Vorbild in Polar- und Geowissenschaften und in Wissenschaft und Forschung ganz allgemein. Wir haben einen hochherzigen Kollegen und einen guten Freund verloren.

Wir trauern mit seiner großen Familie, mit seinem Kollegen- und Freundeskreis in aller Welt.

Begutachtung

This paper was edited by Bernhard Diekmann.