Buchrezension: The Belgica Expedition 1897–1899: The First Expedition to winter in Antarctic waters
De Deckker, P.: The Belgica Expedition 1897–1899: The First Expedition to winter in Antarctic waters. A Tale of extraordinary scientific achievements and human endurance, SNEL Graphics, Liège, Australian National Library, 295 pp., ISBN 975-1-76402551-5, EUR 57,00, 2025.
Als 1998 anlässlich der Hundertjahrfeier der „Belgica“-Expedition in Brüssel ein Symposium stattfand, waren die wissenschaftlichen Ergebnisse dieser Expedition auf internationaler Ebene wenig bekannt. Dabei war die belgische Expedition die erste, die Ende des 19. Jahrhunderts dem internationalen Aufruf der Geographen folgte, die bis dahin noch weitgehend unbekannte Antarktis zu erkunden. Bevor die „Belgica“ auf der Pazifikseite der Antarktischen Halbinsel für 13 Monate vom Eis eingeschlossen wurde und langsam nach Westen driftete, hatten die Männer die Gerlach Straße genau kartiert und neben ozeanographischen und meteorologischen Messungen auch umfangreiche biologische und geologische Sammlungen angelegt. Obwohl die Expeditionsteilnehmer nicht nur aus Belgien, sondern auch aus Norwegen, Polen, Rumänen und den Vereinigten Staaten von Amerika stammten, wurden nach der Rückkehr die Auswertungen auf Französisch publiziert. Wegen der Sprachbarriere erreichten die Ergebnisse offenbar nur eine geringe Verbreitung. Bekannt wurde jedoch vor allem der Reisebericht über die erste Südpolarnacht des amerikanischen Expeditionsarztes Frederick Cook. Außerdem weiß man aus verschiedenen Biographien, dass Roald Amundsen als 2. Offizier während dieser Expedition die wichtigsten Dinge für seine spätere Karriere als Polarforscher gelernt hatte.
Das zunächst im Selbstverlag herausgebrachte Buch „The Belgica Expedition 1897–1899“ gibt erstmals umfassend Auskunft über die während des einjährigen Aufenthaltes in antarktischen Gewässern durchgeführten Untersuchungen und deren Ergebnisse. Zusammengestellt wurde es von dem emeritierten Professor der Research School of Earth Sciences der Australian National University in Canberra, Patrick De Deckker, der die insgesamt 3767 Seiten umfassenden wissenschaftlichen Berichte nun auf Englisch übersichtlich zusammengefasst hat. Zur Ergänzung hat er zahlreiche Archivreisen in Belgien, Rumänien, Polen und die Vereinigten Staaten von Amerika durchgeführt.
Das Buch ist dreigeteilt und beginnt mit der historischen Einordnung und Vorbereitung der „Belgica“-Expedition. Im 2. Teil werden alle wissenschaftlichen Untersuchungen und deren Ergebnisse ausführlich dargestellt. Behandelt wird das Temperaturprofil der Drake Passage, die Vermessung der Gerlache Straße und die Untersuchung der dortigen geologischen Verhältnisse sowie der Pflanzen und Tierwelt. Es folgen die physio-chemischen Beobachtungen bezüglich Ozeanographie, sowie der Meteorologie, Polarlichter und Meereisbildung in der Bellingshausen See. Das nächste Kapitel behandelt die Tierwelt dieser Region. Darauf folgt die Beschreibung der Sedimente des Meeresbodens. Ebenso werden kurz die Gletscher- bzw. die Moränenstände Südamerikas und der Antarktischen Halbinsel behandelt, die auf eine starke frühere Vergletscherung hinwiesen. Ein weiteres Kapitel thematisiert die von Cook festgestellte „Polaranämie“ unter den Expeditionsteilnehmern. Weil Cooks Originalaufzeichnungen verschollen sind, hat der Autor in einer sehr interessanten Tabelle aus vier Publikationen von Teilnehmern alle dahingehenden Informationen zusammengetragen. Weitere wissenschaftliche Ergebnisse lieferten umfassende Untersuchungen im Beagle Kanal. Schließlich wird der norwegische Matrose Johan Koren vorgestellt, der dem Biologen assistierte und der in seinem Tagebuch viele Tiere treffend skizziert hatte. Die beiden vorletzten Kapitel geben Cooks Fotos von Aktivitäten rund um die Expedition innerhalb und außerhalb der „Belgica“ wieder. Dabei belegen sie sein eigenes Interesse an den Ureinwohnern Patagoniens. Das letzte Kapitel widmet sich der Rückkehr der Expedition nach Antwerpen und die nachfolgenden Feierlichkeiten. Der letzte Teil enthält auf vier Textseiten Deckkers Schlussfolgerungen und Lehren für die Zukunft sowie im Anhang eine ausführliche Beschreibung der während der Expedition erstmals in der Antarktis beobachteten Robben, die erst 2016 im Detail publiziert wurde. Neben dem nach Kapiteln geordneten Quellenverzeichnis bildet ein Index den Schluss.
Jedes Kapitel beginnt mit einem Pinguin Cartoon und der Zusammenfassung der wichtigsten Punkte, die Aufschluss über die Ergebnisse der jeweiligen Wissenszweige geben. Rund 190 historische Fotos und Abbildungen, aktuelle Abbildungen von Landschaften, Tieren, Polarlichtern etc. zum Vergleich, Karten und Tabellen veranschaulichen die Darstellung, wobei alle Originalfotos der Expedition aus den Jahren 1897–1899 mit © Photoshop verbessert und mit palette.fm/color/filters behutsam nachkoloriert wurden.
Wer sich intensiver mit der ersten Expedition beschäftigen möchte, die in Antarktischen Gewässern überwintert hat, dem sei dieses Buch sehr zu empfehlen. Allerdings muss man beim Lesen der ersten Auflage eine umfangreiche vom Autor zur Verfügung gestellte Liste von Fehlern berücksichtigen, die bei der geplanten 2. Auflage als Druck on Demand bei Amazon korrigiert sind.